Christiane Nicolaus im Gespräch mit Design-Journalist Armin Scharf.
 
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CHRISTIANE NICOLAUS ABSCHIEDS-INTERVIEW
„ES WAR MIR EINE EHRE!“

Nach fast 16 Jahren als Direktorin des Design Center Baden-Württemberg verabschiedet sich Christiane Nicolaus zum 01. Oktober 2026 in den Ruhestand. Ein Interview über Herausforderungen, Behördenstrukturen, Highlights. Eine Frage aber bleibt offen.



FOCUS OPEN Jury 2026 mit Prof. Miriam Irle, Daniel Rauh, Christine Zimmermann, Klara Kohler, Georg Fuhrmann und Markus Orthey (v.l.n.r.) 
 

Wie fühlt sich die Perspektive an, im Ruhestand zu sein?

CHRISTIANE NICOLAUS: Wunderbar! Dank meiner Überstunden-Bilanz bin ich ja schon einige Wochen in der „Probephase“. Also, es fühlt sich gut an, da kommt ein neuer Abschnitt auf mich zu, mit neuen Ideen, neuen Themen und anderen Prioritäten. Wichtig ist für mich, dass die Arbeit im Design Center enorm spannend, zugleich fordernd, aber auch erfüllend war. Auch, weil mich so viele Menschen begleitet und unterstützt haben. Und es ist unglaublich, wie schnell die letzten knapp 16 Jahre vergangen sind. Aber nun geht’s auf zu neuen Ufern. Bin gespannt, was kommt.
 

Ich kann mich noch ganz gut an das Antritts-Interview für den Design Report erinnern, das ich im Sommer 2011 führen durfte. Damals waren Sie schon ein halbes Jahr im Amt, in einer ganz neuen Funktion. Die Erwartungen waren anfangs jedoch andere – oder?

CHRISTIANE NICOLAUS: Genau, eigentlich hatte ich mich als Stellvertreterin für die Leitung beworben und den Job mit dieser Erwartung ja auch angetreten. Meine Vorgängerin wollte sich jedoch beruflich verändern, also übernahm ich die Leitungs-position im Juni 2011. Das kam völlig unerwartet. Fast zwei Jahre lang habe ich dann Leitung und Stellvertretung in Personalunion gestemmt – und dabei sehr viel gelernt. So gesehen wurden meine Erwartungen also sogar übertroffen (lacht).
 

Sie kamen aus der industriellen Praxis in eine behördliche Struktur, wie sehr muss man da umdenken?

CHRISTIANE NICOLAUS: Ich hatte ehrlich gesagt mit weniger Abweichungen gerechnet. Der sogenannte Dienstweg läuft anders als die meisten Prozesse in KMU, also kleinen und mittleren Unternehmen, und die Amtssprache war für mich sehr gewöhnungsbedürftig. Genau genommen hätte ich, zumindest anfangs, dafür ein Übersetzungsprogramm gebraucht. Aber dank kräftiger Unterstützung durch das Team des Design Center und die Kolleginnen und Kollegen des Regierungspräsidiums Stuttgart waren das alles nur anfängliche Hürden. Hingegen ist die Schaffung neuer Stellen stets sehr mühsam. Und wenn das nicht klappt, ist man darauf angewiesen, dass Kolleginnen und Kollegen aus anderen Referaten eine ihrer Stellen hergeben, was absolut nicht selbstverständlich ist. An dieser Stelle ein großes Dankeschön, an alle, die uns diesbezüglich unterstützt haben.

Auch hatte ich mit einem höheren Anteil an Designerinnen und Designern im Team gerechnet. In den ersten Jahren war ich die einzige Gestalterin. Mir wurde aber rasch klar, dass gerade die Mischung der Professionen im Team zu wertvollen Diskussionen über den Tellerrand und damit zu guten Ergebnissen führt. Dank tatkräftiger Hilfe unserer Amtsspitze, hartnäckiger Unterstützung unserer Vorgesetzten und unkomplizierter Vorgehensweise von allen an den Verfahren im Regierungspräsidium Stuttgart Beteiligten, konnten wir den gestalterischen Anteil im Team inzwischen anheben, wofür ich allen sehr dankbar bin. Nun ist die Mischung richtig gut.
 

Gab es in den knapp 16 Jahren im Design Center ein Highlight, das Sie überrascht hat?

CHRISTIANE NICOLAUS: Sagen wir mal so, mich hat vieles überrascht und auch motiviert. Insbesondere aber der rege Austausch mit unseren Zielgruppen, sprich mit Entscheiderinnen und Entscheidern aus Industrie und Wirtschaft, insbesondere aus kleinen und mittleren Unternehmen und natürlich mit der Designszene – auch über Baden-Württemberg hinaus. Viele aus dieser Gruppe kennen uns seit Jahrzehnten und unterstützen „ihr Design Center“ seit vielen Jahren. Und es kommen ständig neue hinzu! Sei es als Beratende im Rahmen der DESIGN1ST-BERATUNG, als Präsentierende für Best Practices in unseren Ausstellungen, als Vortragende in unserer DESIGNLESE und unseren Workshops, als Interviewpartnerinnen und -partner in unseren Online-Formaten aber auch als Jurorinnen und Juroren oder Teilnehmende bei unserem Internationalen Designpreis Baden-Württemberg FOCUS OPEN. Oder einfach als Sparringspartner bei der Diskussion um veränderte Herausforderungen und neue Angebote.

Dadurch sind wir immer auf dem aktuellen Stand, was Strömungen und Bedarfe aus diesen Bereichen betrifft und können unsere Angebote entsprechend anpassen. Ohne diese besonderen Kooperationen wäre unsere Arbeit so nicht möglich. Bei allen, die sich in dieser Weise für uns eingebracht haben und es weiterhin tun, möchte ich mich ganz herzlich bedanken!
 


im Gespräch mit FOCUS OPEN Moderator Markus Brock
 

Dann schauen wir mal nach vorne. Bleiben Sie der Designszene auch im Ruhestand erhalten?

CHRISTIANE NICOLAUS: Bestimmt. Auf der einen oder anderen Veranstaltung wird man mich sicherlich auch weiterhin antreffen. Aber um ehrlich zu sein, nach über 40 Jahren intensiver Beschäftigung im und für Design schaue ich nun auch nach anderen Themen, für die ich mich einsetzen kann. Ich sage nur: Ehrenamt! Mal sehen, was sich da auftut. Aber abgesehen davon werde nun ich endlich wieder regelmäßig Ausdauersport treiben. Als ehemalige Kanutin aus dem Leistungssport hat mir das immer gefehlt. Wahrscheinlich ist Freizeitstress vorprogrammiert (lacht).
 


immer engagiert in Sachen Design
 

Zurück zum Design Center Baden-Württemberg. Das ist einerseits in eine Behördenstruktur eingebunden, andererseits soll es die KMU im Ländle agil unterstützen. Ist das ein Spagat?

CHRISTIANE NICOLAUS: Könnte man vermuten, aber innerhalb des Regierungspräsidiums Stuttgart, unserem „Mutterschiff“, wie ich immer zu sagen pflege, wird es uns ermöglicht, zielgruppenorientiert, rein inhaltsbezogen und flexibel zu agieren. Dafür sind wir sehr dankbar. Als eine kleine agile Einheit fungieren wir sozusagen als schnelles, wendiges Beiboot.

Und es geht ja bei unserer Arbeit immer darum, ständig die Bedarfe von KMU und der Designwirtschaft aufzuspüren, um daraus Möglichkeiten der Förderung zu entwickeln. Dabei spielt vor allem die Zusammensetzung des Teams mit seinem vielschichtigen Know-how und seinen zahlreichen und unterschiedlichen Erfahrungshintergründen eine Rolle. Im Design Center Baden-Württemberg kommt ein Teil des Teams aus der Verwaltung, der andere aus der Industrie bzw. aus der Wirtschaft. Das ist die gelungene Mischung, von der ich vorhin gesprochen habe. Das Team setzt sich sehr interdisziplinär zusammen, hat einen reichen Erfahrungsschatz und ist daher für seine Aufgaben sehr gut aufgestellt. Wir verstehen uns als eine Art Kupplung zwischen zwei Wirtschaftsebenen, den kreativen Dienstleistern und deren Kunden. Einen Spagat mussten wir noch nie machen.
 

Das heißt, es braucht auch weiterhin ein starkes Design Center Baden-Württemberg?

CHRISTIANE NICOLAUS: Welch eine Frage – natürlich! Es kommt ja nicht von ungefähr, dass das Design Center seit 1962 besteht und eines der renommiertesten Design-Institutionen in Deutschland ist. Seit der Gründung hinterfragen wir unsere Angebote regelmäßig und passen sie, wie vorhin schon beschrieben, gezielt an die aktuellen Bedarfe unserer Zielgruppen an. Und nicht zu vergessen: das Design Center Baden-Württemberg ist seit Beginn ein wichtiger Akteur in der baden-württembergischen Wirtschaftsförderung. Das bedeutet vor allem neutrale, uneigennützige Bewertung und nicht kommerzielle Unterstützung. Davon profitieren besonders kleine Unternehmen, Soloselbständige und Berufseinsteiger. Und - dazu gibt es in der freien Wirtschaft keine Alternativen!
 


inmitten der FOCUS OPEN Gemeinschaft
 

Die brennendste Frage habe ich für den Schluss aufgespart: Wer folgt als Direktorin oder Direktor?

CHRISTIANE NICOLAUS: Oh, da bin ich überfragt. Die Ausschreibung der Position ist noch in Vorbereitung. Ich bin selbst sehr gespannt, wer das Design Center künftig führen wird. Auf jeden Fall ist das Team bestens aufgestellt, um die Arbeit weiterzuführen, auch wenn es eine Interimsphase geben wird.
 

Ja, es bleibt spannend. Vielleicht noch ein Schlusswort?

CHRISTIANE NICOLAUS: Oh, sind wir schon beim Abspann? Ok, wer mich kennt weiß – oder befürchtet – was nun kommt: am Ende gibt‘s immer viele Dankeschöns. Aber wenn nicht heute, wann dann? Allen voran danke ich meinem Mann, der in all‘ der Zeit mein wichtigster Sparringspartner war! Und gleich danach natürlich meinem Team: Ganz herzlichen Dank an alle, für die gemeinsamen Jahre, die zwar mitunter herausfordernd waren, aber letztlich immer beeindruckende Ergebnisse hervorgebracht haben! Unser Motto war immer: „Probleme sind Lösungen in Arbeitskleidung.“ Es gab keine Herausforderung, die wir nicht gemeinsam gemeistert hätten – und das ist wirklich nicht selbstverständlich!

Gleich danach kommt das Team des Patent- und Markenzentrums Baden-Württemberg, mit dem wir ein Referat bilden und seit meinem Einstieg ins Design Center sogar gemeinsame Veranstaltungen anbieten. Danke für die unkomplizierte und sehr kollegiale Zusammenarbeit, den ständigen bereichernden Austausch und die gelegentliche „Amtshilfe“, ohne die wir das eine oder andere Mal etwas blass ausgesehen hätten (zwinkert). Danke auch an die Kolleginnen und Kollegen im Regierungspräsidium und im Wirtschaftsministerium, die unsere Arbeit immer tatkräftig unterstützt haben.

Und dann sind da, neben den bereits genannten, natürlich noch unsere weiteren zahl-reichen Kooperationspartner, langjährige aber auch neue, aus dem Ländle und darüber hinaus. Es sind Persönlichkeiten, Verbände, Stiftungen, Kammern, Anwaltskanzleien, Behörden, Forschungseinrichtungen, Designinitiativen, Ausbildungsstätten und vieles mehr. Mit ihnen haben wir viele gemeinsame erfolgreiche Veranstaltungen gestemmt.

Bitte nicht traurig sein, aber alle zu nennen, würde den Abspann nun leider doch sprengen.
 


Ankündigung des Abschieds beim Neujahrsempfang 2026: v.l.n.r.: Helmut Jahnke, Dr. Jürgen Nicolaus, Christiane Nicolaus, Gertrud Bühler, Susanne Bay, Dr. Patrick Rapp, Peter Hofelich
 

Also: ich bedanke mich sehr sehr herzlich bei allen Wegbegleiterinnen und Wegbegleitern, die das Design Center während meiner Tätigkeit dort mit ihrer Expertise unterstützt haben – und es hoffentlich auch weiterhin tun werden!

Es war mir eine große Freude!
 
 

Interview: Armin Scharf
Fotos: Moritz Schmieg, Thomas Simianer, Benjamin Stollenberg


 

CHRISTIANE NICOLAUS

JANUAR 2011
Christiane Nicolaus wird stellvertretende Leiterin des Design Center Baden-Württemberg, das damals noch Design Center Stuttgart hieß. Nur wenige Monate später ist sie Leiterin, was so nicht auf dem Schirm war. Heute, im Herbst 2026 steht wieder eine Veränderung an, es geht in den Ruhestand. Und das ist schon einen Rück- und Ausblick wert.

ZUR ERINNERUNG
Christiane Nicolaus ist Diplom-Industriedesignerin, hat an der damaligen Universität Gesamthochschule Kassel studiert und war u.a. lange Jahre bei HEWI beschäftigt und auch bei Sieger Design.