Interview: Armin Scharf, bueroscharf.de
Fotos: HUNIC GmbH
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HUNIC GMBH ERFOLGSGESCHICHTEN
Besser arbeiten und leben mit dem Exoskelett!

Exoskelette können bei körperlich fordernden Arbeiten die Leistungen verbessern und zugleich die Erschöpfung reduzieren. Ein Gespräch mit Friedmund Peine, Creative-Direction-Designer beim Start-up HUNIC GmbH über Ergonomie, Gestaltung und Wirkung von Exoskeletten.

Gleich drei Exoskelett-Typen bietet das junge Unternehmen an, „SoftExo® Lift“ unterstützt das Anheben schwerer Lasten, „SoftExo® Carry“ hilft beim Tragen und „SoftExo® Hold“ stabilisiert den Oberkörper, beispielswiese bei Tätigkeiten, die eine leicht gebückte Haltung verlangen. Alle drei Typen sind passiv, kommen also ohne Sensoren oder Antriebe aus und verstärken die Kraft der Anwenderinnen und Anwender durch integrierte Bänder, die an bestimmten Körperbereichen ansetzen.

HUNIC, 2017 gegründet, hat seinen Sitz in Baiersbronn, also im Nordschwarzwald, der schon immer ein besonderer Nährboden für feinmechanische Ideen war. Noch ist HUNIC ein kleines Unternehmen, die Perspektiven sind aber enorm. Bei Hunic denkt man nicht nur funktional, sondern auch gestalterisch: Friedmund Peine ist Creative-Direction-Designer und denkt die komplexen Anforderungen von Beginn der Entwicklung mit. Das zahlt sich aus.
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Lieber Herr Peine, wir unterhalten uns hier am Ortsrand von Baiersbronn, in idyllischer Schwarzwald-Umgebung. Was passiert hier?

FRIEDMUND PEINE: Wir entwickeln hier, bauen Prototypen, testen, optimieren, halten den Kontakt zu Kundinnen und Kunden sowie Anwenderinnen und Anwendern. Und wir machen hier die Endmontage, die einzelnen Serien-Komponenten fertigen Partnerfirmen, zum Beispiel eine Näherei oder ein Spritzgießer.
 


Unser Interview-Partner Friedmund Peine, Creative-Direction-Designer der HUNIC GmbH.
 

Ist es schwierig, solche Partner zu finden?

FRIEDMUND PEINE: Einfach ist es nicht, denn Exoskelette haben ganz spezifische Anforderungen an Material und Verarbeitung. Die Näherei zum Beispiel muss sowohl in der Lage sein, Komponenten mit Rucksack-Ähnlichkeit zu produzieren, Lederverarbeitungs-Methoden kennen und auch filigrane Textilien zu handeln. Wir haben zum Beispiel Stoffe, die kommen aus dem Medizinbereich. Ein Exoskelett ist so multifunktional, dass man bei vielen Komponenten um die Ecke denken muss.
 

Ein Exoskelett stelle ich mir als gestalterische Herausforderung vor. Zumal man sicher diskutieren kann, ob es sich zeigen oder unsichtbar bleiben soll.

FRIEDMUND PEINE: Wir wollen, dass das Exoskelett in der Anwendung sichtbar ist. Nutzerinnen und Nutzer sollen damit ihre Professionalität zum Ausdruck bringen, nach dem Motto: „Ich weiß, was ich hier tue, deswegen trage ich nur das Beste und nehme auch das beste Werkzeug“. So ähnlich wie im Sport, wo die Top-Athleten auch Top-Produkte nutzen, die sie in ihrer Leistung unterstützen.
 


„Ich weiß, was ich hier tue, deswegen trage ich nur das Beste und nehme auch das beste Werkzeug“.
 

Also spielt das Exoskelett nicht in der Liga einer Prothese, sondern eher in der Hilti-Klasse?

FRIEDMUND PEINE: Wir wollen auf keinen Fall, dass unsere Produkte Schwäche oder Einschränkungen kommunizieren. Eigentlich möchten wir auch gar nicht so sehr über das Exoskelett als solches sprechen, sondern über den Effekt dieses Arbeitstools, das irgendwann Normalität sein wird. Momentan sind wir an einem Punkt, an dem es noch um recht basale Fragen geht. Etwa die, wie man damit aussieht – ob man beim durchtrainierten Kollegen als Schwächling gilt. Deshalb: Wir bauen weder Prothesen noch Reha-Hilfsmittel, sondern professionelle Werkzeuge, die uns helfen, im beruflichen Alltag die persönliche Performance zu erhalten.
 

Sie fokussieren sich derzeit auf die Logistikbranche. Aber das Potenzial dürfte enorm sein.

FRIEDMUND PEINE: Ja, natürlich. Potenzial ist überall, weil Ergonomie nicht nur ein großes Thema für Logistik-Unternehmen darstellt. Ergonomie ist universell, das ist unser Fokus. Wir möchten überall ergonomisches Arbeiten ermöglichen. Stellen Sie sich vor, wenn Sie nach einem langen Arbeitstag, der sie eigentlich total erschöpft, dank unseres Exoskelettes am Abend noch Energie haben. Das freut Sie und Ihr Unternehmen, denn dann können Sie sich ganz anders einbringen. Zudem könnten Exoskelette den demografischen Wandel am Arbeitsmarkt abmildern, indem sie ältere Mitarbeitende wieder aktivieren.
 

Was unterscheidet Ihr System von anderen Exoskeletten?
FRIEDMUND PEINE: Unser Exoskelett ist das einzige auf dem Markt, das über einen passiven „CoreAssistant“ verfügt. Wir erfüllen damit die Empfehlungen der gesetzlichen Unfallversicherung DGUV und fördern die ergonomisch richtigen Körper- sowie Hebebewegungen. Dabei konzentrieren wir uns nicht auf punktuelle Entlastungen, etwa der Lendenwirbelsäule. Indem wir den Körper insgesamt ergonomisch führen, entlasten wir ihn bereits um 50 Prozent. Zusätzlich bekommt die Nutzerinnen und Nutzer 25 Prozent mehr Kraft im Rücken und 25 Prozent mehr Kraft in den Beinen. Das ist einzigartig! Im Gegensatz zu anderen Exoskeletten entkoppeln wir diese zusätzliche Kraft von der Wirbelsäule. Andere Exoskelette funktionieren wie Rucksäcke ohne Hüftgurt – sie übertragen die Last in die Beine und zusätzlich in die Wirbelsäule.

Studien untersuchen meist nicht das gesamte System, sondern nur die Beanspruchungen punktueller Muskelgruppen. Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten aber wissen, dass es nicht gut ist, den ganzen Tag mit einer zusätzlichen Last auf der Wirbelsäule zu arbeiten. Es hat schon seinen Grund, warum Wanderrucksäcke über einen Hüftgurt verfügen, denn er verteilt die Last flächig und leitet sie in den stabilsten Teil des Körpers ein, also in die Hüfte.
 


Das Exoskelett der HUNIC GmbH ist das einzige auf dem Markt, das über einen passiven „CoreAssistant“ verfügt.
 

Ihre Exoskelette unterstützen passiv, kommen also ohne Sensorik oder Antriebe aus. Dennoch sagen Sie, dass die Wirkung weitreichender ist. Wie meinen Sie das?

FRIEDMUND PEINE: Unsere Exoskelette senden den Nutzerinnen und Nutzern ein Biofeedback, das ist wie bei der Physiotherapie, wo durch gezielte Berührung oder Druck die Muskulaturbereiche anregt. Einen ähnlichen Effekt bewirken unsere Exoskelette, die in besonderen Positionen helfen, wieder in Bewegung zu kommen. Viele Menschen mit Knieproblemen kommen nur noch schwer aus der Hocke – das Anfangsmoment reicht nicht aus. um den Totpunkt zu überwinden. Hier gibt unser Exoskelett ein Biofeedback und erleichtert das Aufstehen. Diese Erkenntnis kommt aus der Sportwissenschaft und ist noch gar nicht so alt. Man kann also mit kleinen Impulsen dem Körper Reize geben, sich besser zu bewegen.
 


Die Exoskelette der HUNIC GmbH senden den Nutzerinnen und Nutzern ein Biofeedback, das ist wie bei der Physiotherapie, wo durch gezielte Berührung oder Druck die Muskulaturbereiche anregt.
 

Ein Exoskelett als Haltungs-Coach?

FRIEDMUND PEINE: Ja, unbedingt. Wir wollen nicht nur Leistung verbessern, sondern dazu beitragen, dass die Menschen gesund bleiben. Wir arbeiten daher eng mit externen Physiotherapeuten zusammen, stellen unsere Ideen vor und sammeln die Bewertungen ein. Unser Exoskelett „SoftExo® Lift“ ist das einzige, das bis zur Wade runtergeht und so das sensible Knie stabilisiert. Wir verzichten dafür auf die Fixierung am Oberschenkel – dort befindet sich zwar der größte Muskel, aber der ist weich und lässt keine konstante Positionierung zu. Zudem verläuft dort eine Arterie, die bei zu viel Fixierungsdruck komprimiert wird, was unbedingt zu vermeiden ist. Die Fixierung an der Wade und am Becken bringt zudem eine bessere Hebelwirkung, macht die Nutzung also effizienter. Das kann man den Menschen ansehen, wir nennen das den „HUNIC-Effekt“.

Das klingt nach sehr iterativer Entwicklung.

FRIEDMUND PEINE: Richtig, wir sind sehr am Feedback unserer Nutzerinnen und Nutzer interessiert, um unsere Produkte schnell zu verbessern. Ein Beispiel: Anfänglich war der Hüftgurt recht steif, was für normalgewichtige Menschen kein Problem darstellt. Bei Menschen mit ausgeprägtem Bauch knickte der Gurt aber um und schnitt ein. Unser neuer Hüftgurt, den wir zusammen mit Orthopädie-Technikern entwickelten, passt sich viel besser an die vielen individuellen Körperformen an.
 

Sie sagten vorhin, dass Sie ein anderes Ergonomie-Verständnis verfolgen. Inwiefern?

FRIEDMUND PEINE: Die klassische Ergonomie ist sehr formalistisch aufgebaut und will den Körper umfassend entlasten. Der ergonomisch optimierte Bürostuhl hat bestimmt viel gebracht, allerdings fehlen dem Körper so Reize, er ruht sich aus und die Muskulatur baut ab. Wir brauchen die aktive Veränderung, daher fördern heutige Stühle kleine Bewegungen. Das ist übrigens auch ein Problem elektrischer oder aktiver Exoskelette: Der Körper ruht sich aus. Wir gehen einen anderen Weg, den der dynamischen Ergonomie, mit unserem passiven Exoskelett muss man aktiv sein. Aber wir eliminieren die Belastungsspitzen, das Heben von 20 Kilogramm wird gefühlt viel einfacher.
 

Exoskelette sind zunächst funktionale zugleich minimalistische Tools, an welchen Schrauben können Sie als Designer überhaupt drehen?.

FRIEDMUND PEINE: Wenn man Design so auffasst, dass es die Funktionalität ästhetisch macht, finde ich das sehr spannend. Unsere Exoskelette bestehen aus Bändern und Kunststoffteilen am Rücken, deren Formen sich aus den anatomischen Vorgaben ableiten. Es ist mehr Spielraum vorhanden, als man annimmt, vor allem in Details. Und: ich denke stets ein paar Jahre voraus.
 

Die Exoskelette der HUNIC GmbH bestehen aus Bändern und Kunststoffteilen am Rücken, deren Formen sich aus den anatomischen Vorgaben ableiten.
 

Aha, werden die Exoskelette der Zukunft denn anders aussehen?

FRIEDMUND PEINE: Ich denke, sie werden sich etablieren und zugleich viel individueller sein. Momentan bieten wir zwei Größen an, damit erreichen wir etwa 80 Prozent der Nutzenden. Bei Über- und Untergrößen stoßen wir noch an Grenzen. Aber wenn wir eine umfassende Personalisierung realisieren, dann eignet es sich für 100 Prozent der Menschen. Das ist ein ganz neuer Horizont. Wenn wir eine neue Ergonomie gestalten, dann wird sich das auch auf das soziale Miteinander auswirken. Eigentlich gestalte ich also eher die Veränderung als ein Produkt. Das ist letztlich mehr als klassisches Produktdesign.
 


Das Team der HUNIC GmbH.
 

Wenn wir eine simple Kosten-Nutzen-Rechnung aufmachen, dann sollte eine Investition die Produktiovität erhöhen. Gilt das auch für ein Exoskelett?

FRIEDMUND PEINE: Das ist ein guter Punkt, tatsächlich wird man schneller und ermüdet weniger. Der Output kann steigen oder die Fehlerquote sinken. Genau das hören wir auch immer als Rückmeldung. Aber auch, dass die Mitarbeitenden zufriedener sind. Und das ist ja auch ein sehr relevanter Aspekt. Wenn man es genau nimmt, geben wir Freiheit zurück. Ich kann den Menschen mehr zutrauen, weil sie ergonomischer arbeiten. Wir befreien sie ein bisschen in diesem gegebenen System, das man nicht ändern kann.
 

Ihre drei Exoskelett-Typen sind für Tragen, Heben und Halten gedacht. Ist es irgendwann so, dass wir für die unterschiedlichen Tätigkeiten jeweils separate, spezielle Exoskelette nutzen werden?

FRIEDMUND PEINE: Wenn man vom klassischen Verständnis einer punktuellen Entlastung ausgeht, dann wird das so sein. Aber wir gehen ja anders vor und wollen den Körper insgesamt entlasten, was uns schon ganz gut gelingt. Unser Ansatz ist, den Körper insgesamt zu stabilisieren, dann ist der Rest recht einfach machbar. Unsere Systeme erfüllen dies schon zu etwa 80 Prozent. Deswegen sehe ich nicht, dass wir am Ende einen Werkzeugkasten mit vielen speziellen Typen haben werden. Es muss eher so laufen: Ich ziehe mein Werkzeug am Morgen an, ganz selbstverständlich, wie meine Arbeitsschuhe. Dann ist der Mehrwert optimal.
 

HUNIC GmbH

Das Unternehmen wurde 2017 von Jonas Mast gegründet, mit dem Ziel, ergonomisches Arbeiten für alle zu ermöglichen. Denn so können sich die Menschen auf ihre Fähigkeiten konzentrieren. Heute beschäftigt das Unternehmen mit Sitz in Baiersbronn über 10 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Die sind in erster Linie mit der Entwicklung, Optimierung und Endmontage der soften Tools beschäftigt. Die Komponenten werden von externen Partnern produziert.

hunic.com