
AUFTRAGGEBER
Förderverein Obstbaumuseum Glems e.V.
Metzingen
obstbaumuseum-glems.de
DESIGN
VISUELL – Studio für Kommunikation GmbH
Annika Köhnlein, Laureen Seider,
Aline Wißmann, Luis Seider
Stuttgart
visuell.de
Seit vielen Generationen wird am Rand der Schwäbischen Alb der Obstbau in Form von Streuobstwiesen mit hoher biologischer Diversität betrieben. Um dieses immaterielle Kulturerbe zu bewahren, informiert das Obstbaumuseum in Glems bei Metzingen in einer neu konzipierten Ausstellung über die regionale Bedeutung, die Pflege der Baumwiesen, ihre Rolle für die Biodiversität und die typischen Obstsorten selbst. Installiert in der ehemaligen, inzwischen denkmalgeschützten Kelter, nutzt die Ausstellung analoge, haptische und interaktive Exponate samt spielerischer Anreize. Dazu gehört beispielsweise die Figur der Biene Glemmy, die Kinder durch das 150 Quadratmeter große Museum begleitet. Ergänzend zu dieser Dauerschau kann der Betreiberverein mittels eines modularen Systems auch temporäre Ausstellungen selbst aufbauen.
JURY STATEMENT
Ein herausragendes Beispiel für die zeitgemäße und zugleich hochwertige Ausgestaltung eines regionalen Museums, das sich in einer alten Hülle befindet. Die Präsentation verzichtet bewusst auf digitale Medientechnik und setzt auf analoge, sinnliche Mitmach-Erlebnisse.

„BESUCHENDE WERDEN NICHT
MIT INFORMATIONEN ÜBERLADEN, sondern
an die hand genommen.“
Das Obstbaumuseum Glems wird von einem Verein betrieben. Hat dies Ihre Arbeitsweise beeinflusst?
LAUREEN UND LUIS SEIDER: Der Förderverein engagiert sich stark für das Obstbaumuseum. Bisher wurde das Museum von den Vereinsmitgliedern getragen, die ihre Expertise in Führungen lebendig an Besuchende weitergegeben haben. Ihr wertvolles Wissen haben die Mitglieder im Rahmen verschiedener Workshops auch mit uns geteilt und somit in die Ausstellung integriert. Insbesondere der Vorstand Willy Müller war treibende Kraft des Projekts. Die inhaltliche und gestalterische Neuausrichtung des Museums war ein intensiver, über knapp drei Jahre laufender Prozess. Es war nicht immer einfach, die Kritik des Vereins in konstruktive und realisierbare Lösungen zu bringen.
Mit welcher Grundidee sind Sie in die Konzeption gestartet?
LAUREEN UND LUIS SEIDER: Ganz nach dem Motto ‚man schützt nur, was man kennt‘, sollen insbesondere junge Menschen für den Streuobstbau begeistert werden. Denn nur wenn das Wissen rund um den Streuobstbau weitergegeben wird, kann diese einzigartige Kulturlandschaft bewahrt werden. Die Grundidee ist, die Inhalte so aufzubereiten, dass Besuchende das Museum selbstständig erkunden können.
Sie haben bewusst auf übermäßige multimediale Interaktionen verzichtet. Warum?
LAUREEN UND LUIS SEIDER: Es geht uns nicht darum, möglichst viel digitale Technik in eine Ausstellung zu integrieren, sondern sie an sinnvollen Stellen einzusetzen. Im Obstbaumuseum gibt es beispielsweise einen Touchscreen, über den Informationen zu zahlreichen Obstarten und -sorten abgerufen werden können. Diese Sammlung kann über die Zeit kontinuierlich wachsen. An einer anderen Stelle haben wir bewusst Audio eingesetzt, um Tierstimmen erlebbar zu machen. An einer weiteren Medienstation können Besuchende Handwerksberufe audiovisuell und somit emotional kennenlernen.

Mit der Figur der Biene Glemmy und anderen spielerischen Elementen sprechen Sie explizit Kinder an. Gelingt dies?
LAUREEN UND LUIS SEIDER: Seit der Wiedereröffnung waren schon einige Besucher mit Kindern da. Die Biene Glemmy begrüßt sie und führt sie mit einem Bandolino-Spiel durch das Museum. Das Spiel haben wir in zwei Schwierigkeitsstufen entwickelt. Auch wenn dieses Angebot sehr gut angenommen wird, wünschen der Förderverein und wir uns noch mehr Familien und Schulklassen im Museum.
Bei einer relativ kleinen Fläche von 150 Quadratmetern muss man sich konzentrieren.
LAUREEN UND LUIS SEIDER: Der Schwerpunkt des Museums liegt auf dem Streuobstbau und den heute und früher notwendigen jahreszyklischen Tätigkeiten. Dieser Jahreszyklus dient als roter Faden, der alle Themen der Ausstellung miteinander verbindet und zusammenhält.
Immer mehr Museen machen sich Gedanken über ihren ökologischen Fußabdruck. Inwieweit beeinflusste das Ihre Konzeption?
LAUREEN UND LUIS SEIDER: Das Zusammenspiel aus sorgfältig ausgewählten Materialien wie regionalem Holz, transparenten Lieferketten und der Zusammenarbeit mit lokalen Handwerksbetrieben führt zu einer langlebigen Ausstellung. Durch die zeitlose Thematik des Obstbaus bleibt das Museum auch in Zukunft relevant. Die eigens für die Sonderausstellungsfläche entwickelten modularen Möbel ermöglichen die Realisierung temporärer Ausstellungen ohne Ressourcenverschwendung. Diese beleuchten immer wieder neue Themen und schaffen einen Anreiz, das Museum immer wieder zu besuchen.
Die Aufmerksamkeitsspanne sinkt, sagt man, auch in Museen. Wie reagiert man darauf als Gestalter?
LAUREEN UND LUIS SEIDER: Indem wir unterschiedliche Informationsebenen schaffen. Bereits ein kurzer Besuch im Obstbaumuseum vermittelt durch die übergeordnete Informationsebene mit aussagekräftigen Exponaten, Videos, Grafiken und prägnanten Texten einen ersten Eindruck über die Tätigkeiten rund um den Streuobstbau. Besuchende werden nicht mit Informationen überladen, sondern an die Hand genommen und durch kurze Texte an das Thema herangeführt. Sie können selbst entscheiden, weiter in die Tiefe zu gehen.
Und eine letzte Frage: Warum haben Sie gerade dieses Projekt zum Focus Open eingereicht?
LAUREEN UND LUIS SEIDER: Als Designerinnen und Architekten tragen wir eine gesellschaftliche Verantwortung. Wir identifizieren uns stark mit dem Projekt und können absolut dahinterstehen. Über alle Leistungsphasen hinweg sind wir gemeinsam mit allen Beteiligten ans Ziel gekommen – darauf sind wir stolz.