Interview: Armin Scharf
Fotos: Robert Makany (Design Center Baden-Württemberg)

RETHINK:DESIGN Interview
UNSER NEUES FORMAT GEHT WEITER

Nach dem Interview in der Designagentur Ottenwälder und Ottenwälder hat uns Designjournalist Armin Scharf im Haus der Wirtschaft in Stuttgart besucht – für ein Gespräch mit Christiane Nicolaus, Direktorin des Design Center Baden-Württemberg. Erfahren Sie mehr über die Hintergründe von RETHINK:DESIGN und darüber, welchen Einfluss Designerinnen und Designer auf klimaschonende Produkte und Konzepte haben und welche neuen Chancen sich daraus für sie ergeben können.

Design ist in Verruf geraten, habe sich zum Handlanger des Hyperkonsums gemacht und werde seiner ökologischen Verantwortung nicht gerecht, so Kritiker. Tatsächlich ist das Design in einer Schlüsselrolle, um unser Leben nachhaltiger, klima- und auch ressourcenschonender zu machen. Unterstützung bekommen Unternehmen und die Designbranche nun durch die neue Reihe RETHINK:DESIGN. Dieses Format des Design Center Baden-Württemberg zeigt auf, wie Design, Innovation sowie Klimaschutz zusammenspielen können und wirtschaftlicher Erfolg mit umweltfokussierter Verantwortung einhergeht.


 
Warum startet das Design Center Baden-Württemberg das Format RETHINK:DESIGN?
CHRISTIANE NICOLAUS: Wenn wir das globale Klima vor dem Kollaps bewahren wollen, müssen wir alle unseren Beitrag dazu leisten, auch das Design. Designerinnen und Designer haben großen Einfluss auf unsere Produktwelt – und damit eine große Verantwortung. Oder genauer gesagt, sie können den ökologischen Fußabdruck eines Produktes stark beeinflussen, positiv wie negativ. Bis zu 80 Prozent der Umweltauswirkungen eines Produktes werden durch dessen Design vorbestimmt, so hat es das Bundesumweltministerium beziffert.

Aus diesem Grund haben wir RETHINK:DESIGN gestartet, eine thematisch auf den Klima-Impact von Design fokussierte Reihe mit Best-Practice-Beispielen, Interviews, Vorträgen und Workshops. Damit wollen wir dazu animieren, eingefahrene Prozesse zu hinterfragen und Nachhaltigkeit als Innovationstreiber zu begreifen. Designerinnen und Designer wollen wir darin bestärken, sich dem Klimaschutz noch konsequenter anzunehmen. Entscheiderinnen und Entscheidern möchten wir zeigen, wie man diese erweiterte Designkompetenz gekonnt einsetzt. Letztlich geht es darum, dass soziales und nachhaltiges Handeln eine gute Basis für wirtschaftlichen Erfolg darstellt.

Dazu werden wir die baden-württembergische Industrie involvieren, aber auch Forschungsinstitute und Designagenturen aus dem Land, die neue Wege einschlagen. Die Inhalte werden so vielschichtig sein wie das Thema selbst.


 
Viele Unternehmen haben offenbar die Relevanz des Klimathemas erkannt, sind aber noch nicht ins Handeln gekommen.
CHRISTIANE NICOLAUS: Richtig, es gibt viele Unternehmerinnen und Unternehmer, die momentan noch zögern. Auch, weil sie nicht wissen, wie sie dieses umfangreiche Thema anpacken sollen, weil es wie ein Berg vor ihnen steht.

Konsequent integrierte Nachhaltigkeit bedeutet das Hinterfragen und Ändern von Prozessen, das Erfüllen von Auflagen, das lückenlose Dokumentieren, etwa in Form von Nachhaltigkeitsberichten und vieles mehr. Monetärer und zeitlicher Aufwand sind von vornherein nicht einschätzbar, das unternehmerische Risiko nicht vollständig kalkulierbar.

Daher ist es umso wichtiger, einen Einstieg zu finden, der umsetzbar ist und eine Agenda zu entwickeln, die realistisch, durchhaltbar und erfolgsversprechend erscheint.

Mit RETHINK:DESIGN zeigen wir entsprechende Wege auf. Und wir vermitteln, dass Designerinnen und Designer dabei eine zentrale Rolle spielen können. Schließlich ist Design, wenn es konsequent implementiert wird, eine der wenigen Disziplinen, die in Entwicklungsprozessen durchgängig präsent sind, also von der Idee bis zur Markteinführung. Designerinnen und Designer können also großen Einfluss nehmen, auch auf die Klimaverträglichkeit neuer Konzepte. So wie sie schon heute im Bereich Innovationsmanagement involviert sind, können sie Unternehmen durchaus auch bei Klimafragen beraten. Beispielsweise in interdisziplinären CSR-Teams. Das verlangt natürlich erweiterte Kompetenzen, was für die Designbranche aber durchaus eine Investition in neue Geschäftsbereiche sein kann.


 
Wie gut ist die Designbranche dafür aufgestellt?
CHRISTIANE NICOLAUS: Eigentlich gut, denn viele Kompetenzen sind im Grunde schon vorhanden. Wie gesagt, es geht jetzt darum, diese weiterzuentwickeln und sich für die klimaspezifischen Aspekte fit zu machen. Dazu gehört auch, entsprechende Netzwerke aufzubauen, beispielsweise Bilanzierungsagenturen, Forschungseinrichtungen oder Hochschulen einzubeziehen und sich mit ihnen zu verbinden.

Abgesehen davon wird die Notwendigkeit des Klimaschutzes auch die Design-Community selbst tangieren. Die Glaubwürdigkeit steigt, wenn man sich selbst auch bilanzieren lässt. So wird erkennbar, dass man es ernst meint und kompetent ist. Dieser strategische Vorteil kann durchaus für ein besseres Standing ausgespielt werden. Es gibt ja bereits Designagenturen, die da sehr weit vorne sind, zum Beispiel Ottenwälder und Ottenwälder, die wir neulich zum Thema interviewt haben. Und: das Lieferkettengesetz oder die Pflicht, Nachhaltigkeitsberichte zu erstellen, betrifft derzeit zwar nur große Unternehmen, es ist aber nur eine Frage der Zeit, bis diese Welle auch Dienstleistende erreicht. Darauf kann man sich schon jetzt vorbereiten.
 
Warum ist Klimaschutz überhaupt ein Designthema?
CHRISTIANE NICOLAUS: Wie schon gesagt: Design kann einen großen Anteil an den Umweltauswirkungen eines Produktes haben. Das ist allerdings keine revolutionäre Erkenntnis, denn die Berücksichtigung ökologischer Aspekte ist für die Designbranche ohnehin selbstverständlich. Man muss das Rad also gar nicht neu erfinden, sondern – bildlich gesprochen – ein paar Speichen hinzufügen und es konsequenter drehen. Unsere Botschaft an Unternehmerinnen und Unternehmer lautet daher: Setzen Sie Ihr über viele Jahre erlangtes Wissen um und zögern Sie nicht, es jetzt in Richtung Klimaschutz zu justieren. Verlassen Sie alte Pfade und denken Sie neu! Die Designbranche kann diesen Transformationsprozess anschieben, unterstützen und konkretisieren. Letztlich geht es auch darum, Begeisterung zu erzeugen – das wiederum kann kaum eine andere Berufsgruppe besser. So gesehen können Nachhaltigkeit und aktiver Klimaschutz zum neuen Innovationstreiber werden.


 
An welchen Stellschrauben kann das Design ansetzen, um diese Transformation voranzubringen?
CHRISTIANE NICOLAUS: Es gibt viele Schrauben, an denen sich schon immer drehen ließ. Dazu gehören beispielsweise material- und fertigungsgerechtes Entwerfen, langlebige Formensprache, Demontagefähigkeit, Hinterfragen von Materialien, den eigenen Produktionsverfahren und denen der Zulieferer. Alle diese Stellschrauben sollten jetzt noch konsequenter hinsichtlich ihres Einflusses unter dem Aspekt der Klimafreundlichkeit betrachtet werden. Das sollte für alle Entwicklungspartner in den Briefings an erster Stelle stehen. Würde man alle relevanten Umsetzungsparameter am Aspekt der Klimaschonung spiegeln, wären wir schon unglaublich weit.

Übrigens sitzen wir hier auf dem Wassily Chair, den Marcel Breuer 1925 entwickelt hat, ein geniales Beispiel für langlebige Formensprache, die nach wie vor ihre Berechtigung hat. Diesen Ansatz kann man überall anwenden. Ein neues Material setzt man natürlich nicht von heute auf morgen ein und die Umstellung von Prozessen ist ein mehrjähriger Weg, der in Unternehmen zuweilen auf Widerstand stößt, das ist mir aus eigener industrieller Erfahrung durchaus klar. Aber dennoch müssen wir die Dinge und Determinanten neu betrachten und konsequent neu umsetzen.

Selbstverständlich gibt es auch Stellschrauben, an denen man als externer Dienstleister nicht drehen kann. Daher erscheint es mir besonders wichtig, dass Designerinnen und Designer alle Spielräume und Möglichkeiten nutzen, die sie haben und insbesondere bei langjährigen Kooperationen die Grenzen immer wieder austesten.
 
Der Kunde will das nicht – kann das noch so gelten?
CHRISTIANE NICOLAUS: Aus meiner langen Erfahrung weiß ich, dass Kunden oft zögern und Neues scheuen, weil sie einfach den Aufwand und die Tragweite nicht einschätzen können. Oder sie können sich nicht vorstellen, was geht. Gerade was die Klimarelevanz von Produkten oder Dienstleistungen betrifft, können Designerinnen und Designer wichtige Überzeugungsarbeit leisten, Alternativen und machbare Lösungen aufzeigen. Das muss aber auf kompetente und professionelle Weise erfolgen. RETHINK:DESIGN zeigt deshalb auch, welche Kompetenzen ins Portfolio sollten.
 
An wen wendet sich RETHINK:DESIGN?
CHRISTIANE NICOLAUS: Wir haben unterschiedliche Adressaten im Blick. Zunächst sind da die KMU, also kleine und mittlere Unternehmen aus Baden-Württemberg, die bekanntlich über große Innovationspotenziale verfügen. Wir wollen ihnen vermitteln, dass die Einbindung von Designerinnen und Designern auch das Klimathema erfolgreich voranbringen kann. Wir möchten dazu anregen, nachhaltiges unternehmerisches Handeln als Innovationsleistung zu betrachten und daraus einen Wettbewerbsvorteil zu generieren.

Auf der anderen Seite zielen wir darauf, Gestalterinnen und Gestaltern klar zu machen, welche Verantwortung und welchen Einfluss sie im positiven Sinne haben. Wie gesagt: Aus der Klimakompetenz kann letztlich sogar ein neues Geschäftsfeld erwachsen, ähnlich der Innovationsberatung. Auch Designerinnen und Designer, die inhouse tätig sind, werden hier explizit angesprochen, weil sie noch näher an den relevanten unternehmerischen Entscheidungsprozessen sind.

Und schließlich geht es uns auch um die breite Öffentlichkeit. Ihr wollen wir zeigen, dass sich Klimaschutz und gute Gestaltung nicht ausschließen. Wir wollen dafür sensibilisieren, das Augenmerk stärker auf klimarelevante Aspekte zu legen – beim Kauf von Dingen, aber auch bei Dienstleistungen oder digitalen Services. Denn: Steigt die Nachfrage nach solchen Qualitäten, dann muss sich jeder bewegen, der an der Entwicklung beteiligt ist. Und da ist derzeit noch viel Luft nach oben.


 
Werden wir auch wieder über eine andere Ästhetik reden müssen?
CHRISTIANE NICOLAUS: Ich denke, dass diese Diskussion bereits läuft, denn Design ist auch immer Image-Botschafter, für Unternehmen und deren Kundschaft. Nach dem Motto: „Tue Gutes und rede darüber“ oder „Kaufe Gutes und zeige es“, stellt sich die naheliegende Frage, ob man Produkten ansehen sollte, dass sie klimaneutral sind. Das heißt, Marken, die sich in diesem Bereich hervorheben wollen, könnten nach Wegen suchen, sich erkennbar von konventionellen Mitbewerbern zu differenzieren. Ein anderer Ansatz kann sein, dass eine Marke seit langem glaubwürdig in Klimaschutz und Nachhaltigkeit investiert und das auch konsequent kommuniziert. Käuferinnen und Käufer zeigen mit dem Erwerb eines Produktes dieser Marke, dass sie diese Strategie bewusst unterstützen und dadurch zum Klimaschutz beitragen. Ein Paradebeispiel dafür ist das Tettnanger Unternehmen Vaude, mit dem wir übrigens demnächst ein Interview führen werden.

Noch etwas scheint mir in diesem Zusammenhang sehr wichtig. In den letzten Jahren drehte sich fast alles um den Ansatz des Human Centered Design. Inzwischen ist Planet Centered Design das Schlagwort. Das heißt, Erhalt und Wiederertüchtigung unseres Planeten sollten immer Priorität haben. Ich meine: Genau das ist doch Human Centered Design, denn der Planet braucht uns nicht, würde sich wahrscheinlich sehr gerne von uns erholen – wir aber brauchen den Planeten. Diesen Denkansatz soll RETHINK:DESIGN weitertragen.